The Punks of LinkedIn
Januar 17, 2023/
  • By Timo
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Ihr habt sie hier sicher auch schon gesehen: Die Investment Punks, HR Punks oder Immo-Punks. Manchmal in Gruppen, manchmal alleine. Männer mittleren Alters in Slipknot Shirt und Lederjacke oder wahlweise mit dem Logo ihrer jeweiligen Punk-Gang auf den Hoodie gedruckt. Dazu posieren sie dann mit Pommes-Gabel-Hand, begleitet von einem pfiffigen Businessweisheiten-Quote. Oder ab und an auch mal was ganz subversives wie „F*CK WORK/LIFE BALANCE!“ oder sowas.

Mit einem gewissen Faszinekel (neu gerlerntes Wort) schaue es ich mir tatsächlich jedes Mal wieder an, wenn sich einer dieser Burschen Pogo tanzend in meine Timeline mosht.

Aber irgendwie haben mich die Business-Punker heute dann doch zum nachdenken gebracht: Wie wirkt sich eigentlich unsere musikalische Sozialisation, Jugendkulturen und Szenen auf unseren beruflichen Werdegang aus? Auf die Art und Weise wie wir arbeiten? Wie wir rekrutieren? Wie wir eine Firma aufbauen?

Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen. Wir hatten zwei kleine Kinos, Waldfeste, Fußballvereine und Tennisclubs. Schnell wurde klar, einen Skate-Park wird es hier nicht geben. Petitionen und Presseartikel stimmten die Stadt auch nicht um. Na gut, dann sammeln wir eben Holz und Sperrmüll, bringen uns Handwerkern und Schweißen bei und bauen selbst einen. Ab dann ging es im Grunde immer so weiter: keiner will unsere Schraddel-Krach-Band im Bürgerhaus spielen lassen? Dann bauen wir eben unsere eigene Bühne im Garten. Open Air ist eh cooler! Und als wir später tourende Bands in den örtlichen Jazzclub buchen wollten, wurden wir Kopfschütteln abgewiesen. Kurze Zeit später gab es den ersten Subkultur Club in der Stadt – unseren Proberaum.

Aus ein, zwei Konzerten im Jahr wurden recht schnell zwei Konzerte im Monat. Wo bringen wir eine 10-köpfige Band unter, wie kocht man eigentlich vegan (Hey, es war Anfang der 2000er!), wer macht Flyer und wäre es nicht super cool im Anschluss noch eine Indie-Disko zu veranstalten?

Frank und ich werden oft gefragt, wie wir das bei Fox & Sheep denn alles so machen. Scheinbar wirkt das auf Außenstehende tatsächlich etwas verrückt – kleines Team, viel Output. „Apps, Bücher, Hörspiele, TV-Serie… warum macht ihr das denn alles selbst?!“

Wenn ich jetzt drüber nachdenke, liegt es wahrscheinlich wirklich zu großen Teilen an dieser “DIY or die” Attitüde, die wir uns von damals bewahrt haben. 

Kleine Anekdote: als wir ins neue Büro zogen, stand gar nicht zur Frage, wo wir einen neuen Meeting-Tisch kaufen, sondern wer von uns ihn bauen wird.

Daher rührt vermutlich auch die oft mitschwingende Skepsis gegenüber Konzernen. Oder der fast schon kindische Trotz, aus dem bei uns manchmal Projekte entstehen können. Wir könnten jetzt lange und anstrengende Meetings mit TV-Leuten haben (ganz klar das Equivalent zum bösen Major-Label) oder eben schauen, wie wir es selber machen.

Meistens entscheiden wir uns für Letzteres. Kürzere Entscheidungswege, weniger Kompromisse, künstlerische Freiheit und Rechte an geistigem Eigentum gebe ich sowieso noch immer genauso ungern ab, wie damals als es noch um die Musik ging.

Irgendwo dort – zwischen Punkrockshows und Speziflaschen – liegt wahrscheinlich auch Frank und mein, doch sehr deckungsgleicher, Wertekompass verankert. Worüber ich wirklich total froh bin. So gilt für uns beide, damals wie heute, unter anderem, dass gewisse Firmen und Medienhäuser einfach nicht gehen. Da gibt es auch keine große Diskussion. 

Wie oft ich in den letzten Wochen zum Thema ‚Ankerkrautverkauf an Nestle‘ gelesen habe, „Was regt ihr euch denn so auf? Genau darum geht es doch. Gründen, aufbauen und für soviel wie möglich verkaufen. Alles richtig gemacht!!“. Ja, klar, kann man so sehen…Wir verstehen unter alles richtig gemacht eben etwas vollkommen anderes. Frank und ich haben Fox & Sheep übernommen, um einen Ort zu schaffen, an dem unsere Mitarbeiter*innen und wir uns wohlfühlen, wir uns kreativ austoben können und wir die Möglichkeit haben, Dinge zu erschaffen, die uns und andere Menschen – vor allem Kinder – glücklich machen. Im Grunde genau wie damals bei den Proberaumkonzerten. We ain’t got no place to go, let’s go to the punkrock show. (Klingt eigentlich viel mehr hippy als punk.)

Ohne den Investment Punk hätte ich wahrscheinlich gar nicht darüber nachgedacht. Also was sind meine Take-Aways aus dieser Bahnfahrts-Philosophiererei?

  1. Erschreckend wie wenig (bis gar keinen) Einfluss meine steile Uni-Karriere, auf die Art und Weise wie ich heute arbeite, hatte.
  2. Was damals der Skate-Park war, ist heute wohl die digitale Bildung. Holt die Schweißgeräte, es gibt viel zu tun!
  3. Ich kann mir vorstellen, dass es sehr schwer ist eine*n passende*n Co-Geschäftsführer*in zu finden. Da hatte ich riesiges Glück. Es ist beruhigend zu wissen, dass ich in Frank diese verlässliche Kontrollinstanz für mein Handeln / meine Entscheidungen habe. 
  4. Wenn das nächste mal jemand fragt, wie wir das bei Fox & Sheep machen, sage ich ganz selbstbewusst: „Wir sind eben Product Punks man!“ Und strecke dabei meine Faust kämpferisch in die Luft.

Wie ist das bei euch? Was hat euch in eurem beruflichen Werdegang beeinflusst – das BWL Studium, die HipHop-Jams oder beides? Interessiert mich echt.

So, jetzt muss ich aber los. PRODUCT PUNK Shirts drucken. Natürlich Kartoffeldruck. Könnt ihr bei Interesse dann über meine MySpace Seite bestellen. Oi!

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